Vor kurzem das Gespräch zwischen Hartmut Rosa und Matze Hielscher gehört, von dem bei mir vor allem eine Frage hängenblieb: Warum fühlen sich so viele Menschen erschöpft, obwohl uns moderne Technologien ständig Zeit sparen?
Eigentlich müsste das Gegenteil der Fall sein. Nie zuvor konnten wir Aufgaben schneller erledigen, Informationen einfacher abrufen oder unseren Alltag effizienter organisieren. Und doch scheint die Erschöpfung nicht weniger zu werden. Vielleicht liegt die Antwort nicht darin, dass wir zu wenig Zeit haben, sondern darin, wie wir diese gewonnene Zeit nutzen.
Technologie ist für mich dabei nicht die Ursache des Problems, sondern ein Verstärker. Sie macht eine Haltung sichtbar, die ohnehin tief in unserer Gesellschaft verankert ist: den Wunsch nach Kontrolle, Optimierung und Verfügbarkeit.
Besonders deutlich wird das im aktuellen Longevity-Trend. Schlaf wird gemessen, Herzfrequenzen werden analysiert, Blutzuckerwerte überwacht, Trainingseinheiten ausgewertet. Natürlich kann all das hilfreich sein. Die entscheidende Frage lautet jedoch: Dient die Optimierung dem Leben oder wird das Leben zum Objekt der Optimierung?
Manchmal habe ich den Eindruck, dass wir Gefahr laufen, den gegenwärtigen Moment gegen eine bessere Zukunft einzutauschen. Wir schlafen heute, um morgen leistungsfähig zu sein. Wir trainieren heute, um später gesund zu bleiben. Wir verzichten heute, um irgendwann länger zu leben. Das Versprechen liegt immer in der Zukunft. Doch was passiert mit dem Leben, das zwischen all diesen Vorbereitungen stattfindet? Vielleicht erklärt das auch einen Teil jener Leere, die viele Menschen empfinden.
Ich denke dabei an einen einfachen Vergleich: das Malen eines Bildes. Wenn ich selbst male, entsteht etwas Eigenartiges. Ich verliere das Zeitgefühl. Ich lasse mich auf den Prozess ein. Ich kämpfe mit Fehlern, ändere meine Ideen, entdecke neue Möglichkeiten. Das fertige Bild ist am Ende nur ein Teil der Erfahrung. Der eigentliche Wert liegt im Entstehungsprozess.
Lasse ich hingegen eine KI innerhalb weniger Sekunden ein Bild erzeugen, erhalte ich möglicherweise ein beeindruckenderes Ergebnis. Doch ich habe den Prozess verloren. Ich habe das Produkt, aber nicht die Erfahrung. Das Gefühl, etwas geschaffen zu haben, weicht dem Gefühl, etwas erhalten zu haben. Vielleicht besteht hier ein grundlegender Unterschied zwischen Konsum und Resonanz.
Viele Technologien helfen uns dabei, Ergebnisse schneller zu bekommen. Doch die Erfahrungen, die uns wirklich erfüllen, entstehen häufig gerade dort, wo wir Zeit investieren, uns anstrengen und uns auf etwas einlassen. Kreativität, Freundschaften, Kunst, Musik oder handwerkliche Tätigkeiten sind nicht wertvoll, obwohl sie Zeit kosten. Oft sind sie wertvoll, weil sie Zeit kosten.
Hartmut Rosa spricht davon, dass wir die Welt immer verfügbarer machen wollen. Doch Resonanz entsteht nicht durch Verfügbarkeit. Sie entsteht dort, wo wir in Beziehung treten. Wo wir uns berühren lassen. Wo etwas Unvorhergesehenes geschieht. Besonders eindrücklich fand ich in diesem Zusammenhang seine Metapher der Hüllen. Wir bewegen uns durch die Welt mit Kopfhörern in den Ohren, dem Smartphone in der Hand und dem Blick auf den Bildschirm gerichtet. Wir schaffen uns Schutzräume, in denen wir kontrollieren können, was uns erreicht.
Diese Hüllen sind nicht nur physisch. Es gibt auch mentale Hüllen: permanente Selbstoptimierung, Produktivitätsdenken oder die Gewohnheit, jede freie Minute mit Informationen zu füllen.
Dadurch verlieren wir etwas, das Rosa den Weitwinkelblick nennt. Unsere Aufmerksamkeit wird immer stärker fokussiert und gesteuert. Wir suchen ständig nach etwas. Gleichzeitig werden wir immer seltener von etwas gefunden.
Doch viele der bedeutendsten Erfahrungen unseres Lebens entstehen nicht aus Planung. Eine Begegnung, ein Gedanke, ein Gespräch oder ein Moment in der Natur treten oft unerwartet auf. Dafür braucht es Offenheit. Dafür braucht es die Bereitschaft, nicht jede Sekunde kontrollieren zu wollen.
Vielleicht ist das die eigentliche Herausforderung unserer Zeit: Technologie so zu nutzen, dass sie uns Freiräume schafft, ohne selbst zum Lebensmittelpunkt zu werden. Die Frage lautet dann nicht, ob Technologie gut oder schlecht ist. Die Frage lautet vielmehr: Wofür nutzen wir die gewonnene Zeit?
Wenn sie uns hilft, wieder mehr in Beziehung zur Welt zu treten, kann sie ein Werkzeug der Freiheit sein. Wenn sie jedoch jede freie Minute mit weiterem Konsum, weiterer Optimierung oder weiterer Ablenkung füllt, verstärkt sie genau jene Entfremdung, die sie eigentlich überwinden sollte. Am Ende bleibt für mich ein einfacher Gedanke: Ein lebendiges Leben entsteht nicht dort, wo alles kontrollierbar ist. Es entsteht dort, wo wir uns auf die Welt einlassen. Dort, wo wir die Hüllen gelegentlich ablegen, den Blick weiten und zulassen, dass uns etwas berührt.
