Einmal pro Jahr tauche ich ein in Erich Fromms Gedankenwelt und lese das Buch "Haben oder Sein". Das Habenwollen, das Besitzen ist ein Modus, der in der heutigen Gesellschaft immer mehr in den Vordergrund rückt. Ein Mensch, der sich vom Haben aber unbeeindruckt zeigt, kann zu sich selbst kommen, kann seine Fähigkeiten einsetzen und in Unabhängigkeit und Freiheit leben. Besitz ist für diesen Menschen nebensächlich, er strebt danach, sich "leer" zu machen, sich mit ,,seinem Ich nicht im Wege zu stehen."
Besonders interessant finde ich diesen Aspekt auch in Bezug auf das Lernen:
,,Studenten, die an der Existenzweise des Habens orientiert sind, hören eine Vorlesung, indem sie auf die Worte hören, ihren logischen Zusammenhang und ihren Sinn erfassen und so vollständig wie möglich alles in ihr Notizbuch aufschreiben, so daß sie sich später ihre Notizen einprägen und eine Prüfung ablegen können. Aber der Inhalt wird nicht Bestandteil ihrer eigenen Gedankenwelt, er bereichert und erweitert diese nicht. Sie pressen das, was sie hören, in starre Gedankenansammlungen oder ganze Theorien, die sie speichern. Inhalt der Vorlesung und Student bleiben einander fremd, außer daß jeder dieser Studenten zum Eigentümer bestimmter, von einem anderen getroffener Feststellungen geworden ist.
Studenten in der Existenzweise des Habens haben nur ein Ziel: das Gelernte festzuhalten, entweder indem sie es ihrem Gedächtnis einprägen oder indem sie ihre Aufzeichnungen sorgsam hüten. Sie brauchen nichts Neues zu schaffen oder hervorzubringen. Der ,Habentypus' fühlt sich in der Tat durch neue Ideen oder Gedanken über sein Thema eher beunruhigt, denn das Neue stellt die Summe der Informationen in Frage, die er bereits hat. ... Für Studenten, die in der Weise des Seins zu Welt bezogen sind, hat der Lernvorgang eine völlig andere Qualität. Zunächst einmal gehen sie selbst zu der ersten Vorlesung nicht als tabula rasa. Sie haben über die Thematik, mit der sich der Vortrag beschäftigt, schon früher nachgedacht; es beschäftigen sie bestimmte Fragen und Probleme. Sie haben sich mit dem Gegenstand schon auseinandergesetzt und sind an ihm interessiert. ... Was sie hören, regt ihre eigenen Denkprozesse an, neue Fragen, neue Ideen, neue Perspektiven tauchen dabei auf. Der Vorgang des Zuhörens ist ein lebendiger Proze?; der Student nimmt die Worte des Lehrers auf und wird in der Antwort lebendig."
Aber auch die Liebe hat - je nachdem, ob man sie aus der Haben- oder Sein-Sicht betrachtet, zwei Bedeutungen: ,,Kann man die Liebe haben?", fragt Fromm und erklärt dazu: ,,Wenn man das könnte, wäre Liebe ein Ding, eine Substanz, mithin etwas, was man haben und besitzen kann."
Für ihn ist Lieben eine produktive Tätigkeit, die mit einschließt, dass man auf jemanden eingeht, für jemanden sorgt, sich an jemandem erfreut, ganz egal, ob es dabei um einen Menschen, ein Tier oder eine Idee geht. Aus der Sichtweise des Habens wirkt Lieben aber kontrollierend, einschränkend und lähmend, ,,tötend statt belebend."
Lesestoff*:
