Gedanken zu Lázár von Nelio Biedermann


Es gibt Romane, die man liest, und Romane, die sich wie feuchter Nebel auf die eigene Stimmung legen. Lázár von Nelio Biedermann gehört für mich eindeutig zur zweiten Kategorie. Noch Tage nach der Lektüre hatte ich das Gefühl, durch dieselben langen Flure zu gehen wie seine Figuren: zwischen Erinnerung, Familiengeschichte und einem dumpfen Gefühl unausgesprochener Traurigkeit.

Irgendwann musste ich dabei an ein altes Zitat denken: „Unter jedem Dach ein Ach.“ Kaum ein Satz beschreibt diesen Roman besser.

Denn genau darum geht es in Lázár: Hinter jeder Fassade liegt ein Schmerz. Hinter jedem festlich gedeckten Tisch lauert Schweigen. Hinter jeder Familiengeschichte steckt etwas, das nie wirklich verarbeitet wurde.

Was mich an dem Buch besonders gepackt hat, waren die Figuren. Nicht, weil sie makellos geschrieben wären oder sofort sympathisch wirken, sondern weil sie sich so widersprüchlich anfühlen. Niemand in dieser Familie ist einfach nur Opfer oder Täter. Alle tragen Verletzungen mit sich herum und geben sie gleichzeitig weiter.

Besonders spannend fand ich das Geschwisterpaar Eva und ihren Bruder. Hier dreht Biedermann ein vertrautes Klischee fast komplett um. Eva ist die Rebellische, die Rastlose, diejenige, die sich gegen die Schwerkraft der Familie stemmt. Aber ihre Rebellion wirkt nie cool oder heroisch. Sie hat etwas Verzweifeltes, manchmal sogar Selbstzerstörerisches.

Ihr Bruder dagegen besitzt diese stille, melancholische Beobachterrolle. Während Eva ausbrechen will, scheint er vieles eher auszuhalten oder zu betrachten. Er wirkt wie jemand, der emotional ständig schon in der Erinnerung lebt, selbst wenn etwas gerade erst geschieht. Gerade diese empfindsame, fast durchlässige Art machte ihn für mich zu einer der interessantesten Figuren des Romans.

Zwischen den beiden entsteht dadurch eine Nähe, die gleichzeitig von Distanz geprägt ist. Sie teilen dieselbe Herkunft, dieselben Gespenster, dieselben Familienräume – und erreichen sich trotzdem nie ganz.

Überhaupt ist die Atmosphäre des Romans außergewöhnlich stark. Lázár liest sich stellenweise wie ein Familienepos, dann wieder wie ein Gothic-Roman oder eine düstere europäische Erinnerungserzählung. Das Mitteleuropa des Buches wirkt ständig im Zerfall begriffen: alte Häuser, politische Umbrüche, verdrängte Schuld, Menschen, die versuchen weiterzuleben, obwohl die Vergangenheit überall mit am Tisch sitzt.

Dabei passiert das Interessante selten laut. Keine dauernde Eskalation, kein künstliches Drama. Das Unglück sickert langsam in den Alltag ein. Gerade dadurch wirkt vieles umso intensiver.

Natürlich merkt man auch, dass Biedermann ein sehr junger Autor ist. Manche Passagen wirken bewusst literarisch, fast demonstrativ stilisiert. Gelegentlich hatte ich das Gefühl, dass der Roman seine Einflüsse sehr offen zeigt. Trotzdem steckt darin ein enormes Talent – vor allem für Atmosphäre und Figurenbeziehungen.

Was bei mir am Ende geblieben ist, war weniger die konkrete Handlung als ein Gefühl: diese Mischung aus Schönheit, Müdigkeit und familiärer Traurigkeit. Und vielleicht ist genau das die größte Stärke des Romans: Dass er einen daran erinnert, wie viel Schmerz, Sehnsucht und Sprachlosigkeit sich hinter scheinbar gewöhnlichen Familiengeschichten verbergen können.


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