John Williams: Stoner



"Stoner" ist ein sehr ruhiges Buch, aber eines, das berührt. Ein Buch, nach dessen Lektüre man einige Tage braucht, um ein neues zur Hand zu nehmen. Weil man die Zeit benötigt, um die Geschichte auf sich wirken zu lassen. Für mich war es eine Entdeckung, begonnen auf einer Zugfahrt und innerhalb kürzester Zeit beendet.

Es ist die Lebensgeschichte von William Stoner. Er wächst in Missouri in ärmlichen Verhältnissen auf, studiert englische Literaturgeschichte, heiratet sehr jung, lehrt an der Universität und stirbt mit 65 Jahren an einem Tumor. Eine Geschichte also, wie sie jedem von uns passieren kann. Und gerade deshalb, weil es ein so zutiefst menschliches Buch ist, fasziniert es.

Weil man sich hineinversetzen kann in sein Leben, seine unglückliche Ehe und sein späte Liebe, in seine Beziehung zu seiner Tochter und seinem Bestreben, ein guter Professor zu sein. Man hadert mit ihm, leidet mit ihm, freut sich mit ihm und geht mit ihm seinen Weg. Wahrscheinlich ist es gerade das, was das Buch zu einem ganz besonderen macht: Die Darstellung menschlicher Stärken und Schwächen, die John Williams außergewöhnlich gut gelungen ist.

Sein Beruf ist quasi seine Berufung, hier geht er auf, hier weiß er, was er zu tun hat. Ganz anders in seinem Privatleben: Bereits die erste Begegnung zwischen Edith und Stoner verläuft seltsam, und nach ihrem Gespräch am ersten Abend blieben die Unterhaltungen unpersönlich; und es gelang Stoner nicht noch einmal, sie aus der Reserve zu locken. Sie heiraten dennoch und in der Hochzeitsnacht muss Stoner feststellen, dass sich Edith gegen jegliche körperliche Berührungen sträubt, ja sogar Ekel davor empfindet. Schließlich jedoch beschließt Edith, Mutter zu werden und es folgt die einzige Zeit ihrer Leidenschaft, die allerdings wenig mit Liebe zu tun hat. Nach der Geburt ist sie lange Zeit nicht ansprechbar und  es ist Stoner, der sich hauptsächlich um seine geliebte Tochter kümmert.

Schließlich begegnet Stoner auch seine große Liebe, eine junge Dozentin. Doch er ist nicht in der Lage, seine Familie und seinen Beruf für sie aufzugeben und mit ihr ein neues Leben zu beginnen. Er harrt aus, bleibt dort, wo er seine Pflicht zu erfüllen hat. In seinen späten Jahren erkrankt Stoner dann an Krebs und an seinem Sterbebett lässt er sein Leben noch einmal Revue passieren: "Sachlich , nüchtern sinnierte er, dass man sein Leben für gescheitert halten würde. Er hatte Freundschaft gewollt und freundschaftliche Nähe, die ihn im Schoß der menschlichen Gemeinschaft hielt; und er hatte zwei Freunde gehabt, der eine war sinnlos gestorben, ehe er ihn richtig kennenlernen konnte, der andere zog sich jetzt so weit in die Riege der Lebenden zurück, dass....Er hatte die Einzigartigkeit, die stille, verbindende Leidenschaft der Ehe gewollt; auch die hatte er gehabt und nicht gewusst, was er damit anfangen sollte, also war sie gestorben. Er hatte Liebe gewollt, und er hatte Liebe erfahren, sie aber aufgegeben, hatte sie ins Chaos des bloß Möglichen ziehen lassen."


Lektüreempfehlung:

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