Stille



"Wenn alle lärmenden Bewegungen, alle Überlagerungen von Empfindungen, Wahrnehmungen, Impulsen durch Geräusche zurückweichen, tritt die Ruhe der Betrachtung ein. Die Natur wird häufig so erfahren, selten die Stadt. Die Waldesruhe, der Frieden über dem See, das Schweigen der Nacht, sie alle assoziieren Friede, den Fortfall des Hochtourigen, Geschäftigen, Flüchtigen, auch Belanglosen. Es tritt Kontemplation ein, ein reines Bei-sich-Sein.

Auch im sozialen Leben aber ereignet sich Stille nicht nur, sie besetzt eigene Funktionen: In der "Schweigeminute", der stillen Trauer, der Denkpause, in der Betrachtung des Firmaments, in den Schweigeräumen der Kirchen, Krypten, Tempel, im Schweigegelübde der Kartäuser, der Eremiten, der tibetanischen Schweigemönche, in der "stillen Zeit" zwischen Weihnachten und Silvester.

Auch wohnt den stillen Augenblicken des alltäglichen Lebens oft eine eigene Magie inne, so der Stille vor dem Kuss, der Stille des Einvernehmens in einem Blick, der Stille des Gebets, der Stille im Umkreis des Sterbens und schließlich jener Stille, die im Auge des Orkans, im Zentrum der Katastrophe herrscht, wenn sich die Zeit dehnt und alle Abläufe zugleich verlangsamt und geräuschlos erscheinen....und manchmal ist gerade die Musik geeignet, geräuschlose Zustände zu verdichten."

(Roger Willemsen)

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