Man könnte sagen: Ein Mann steigt in einen Zug und steigt aus seinem Leben aus. Doch das wäre zu knapp für ein Buch, das die Flucht nicht als Bewegung durch Räume, sondern als Gang durch Bedeutungen versteht. Raimund Gregorios Nachtzug ist kein Verkehrsmittel, sondern ein Übergangsritual – vom erklärbaren Dasein in die unüberschaubare Topografie der Seele.
Pascal Mercier, selbst Philosoph, der sich hinter seinem eigentlichen Namen Peter Bieri verbirgt, schreibt, als wollte er die Sprache selbst in Gewahrsam nehmen, um sie vor dem Gebrauch zu retten. In jedem Satz hört man die Skepsis des Denkers, der ahnt, dass jedes Wort schon ein Verrat ist – und trotzdem weiterschreibt, weil Schweigen keine Antwort wäre.
„Nachtzug nach Lissabon“ ist ein Roman über das Denken und seine Unzulänglichkeiten, über das Erinnern, das sich ständig selbst überholt. Er ist auch ein Buch über Portugal, über ein Land, das weniger geographischer Ort als seelische Landschaft ist, ein Zwischenraum aus Dämmerung und Diktatur, Melancholie und Mut.
Gregorius, Lateinlehrer aus Bern, begegnet in den Fragmenten des portugiesischen Arztes Amadeu de Prado einem Spiegelbild: einem, der das Leben nicht hinnimmt, sondern es befragt, bis es schmerzt. Und so beginnt auch der Leser sich zu befragen – das eigene Gleichgewicht, die eigene Feigheit, die stillen Kompromisse, die sich als Vernunft verkleiden.
Mercier schreibt schwerelos und zugleich mit Gravitation: Jeder Gedanke zieht den nächsten an, bis aus Reflexion eine Bewegung entsteht. Man liest, als würde man auf dünnem Eis denken.
Es ist kein Roman, der einen unterhält, es ist einer, der einen bewohnt. Wenn man ihn zuklappt, ist man ein anderer: ein wenig fremder im eigenen Leben, aber auch wacher für seine Brüchigkeit.
In einem Zeitalter, das sich in Eindeutigkeiten flüchtet, wagt Mercier das Gegenteil: Er lässt uns den Reichtum des Zweifelns spüren. Und vielleicht ist das die größte Form der Zärtlichkeit, die Literatur uns schenken kann.
Worte aus dem Buch - Gedanken, die man mitnimmt:
„Wie schwer ist es, das Leben zu ändern. Und wie leicht ist es, eine Geschichte zu erzählen.“
„Wir verlassen nur selten den Platz, den uns das Leben zugewiesen hat. Und wenn wir es doch tun, nennen die anderen das Abenteuer.“
„Vielleicht sind wir in Wahrheit nicht das, was wir sind, sondern das, was wir hätten sein können.“
„Es ist das Denken, das uns traurig macht, weil es weiß, dass nichts bleibt.“
„Wie seltsam, dass wir unser Leben leben, als sei es unendlich, und doch wissen, dass es endet.“
„Es gibt Momente, in denen wir aufbrechen müssen, sonst werden wir zu dem, was wir fürchten.“
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