„Zerreiß deinen Kalender, es ist immer jetzt" schreibt Mascha Kaléko, als wüsste sie, wie sehr wir uns in unseren Tagen verirren. Wir sind Sammler von Terminen, Verwalter des Kommenden. Wir zählen nicht nur die Zeit, wir bewohnen sie wie ein Mietshaus: Zimmer der Vergangenheit, Zimmer der Zukunft – und das Jetzt, das Treppenhaus, in dem wir nie lange stehenbleiben.
Doch Kaléko ruft uns zu: Zerreiß ihn, diesen Kalender. Nicht aus Trotz, sondern aus Zärtlichkeit für das, was entgleitet, wenn wir es zu fest halten. Denn jeder Tag, so genau wir ihn datieren, lebt nur im Moment seines Geschehens.
Das Jetzt ist kein Punkt auf einer Linie, es ist ein Aufblitzen, ein Atemzug, der sich weigert, Vergangenheit zu werden. In ihm verschwindet die Unterscheidung zwischen „noch nicht“ und „nicht mehr“. Es ist das einzige Hier, das keine Adresse hat.
Vielleicht ist es das, was Kaléko uns sagen möchte: dass wir die Ewigkeit nicht suchen müssen. Sie geschieht längst – in jenem unteilbaren Augenblick, in dem wir endlich aufhören, auf sie zu warten.
