Vor kurzem über einen Text von Antonio Gramsci gestolpert, der schreibt:
„Sich selbst zu kennen heißt, selbst zu sein, heißt, Herr seiner selbst zu sein, sich von den anderen zu unterscheiden, aus dem Chaos auszuscheren, ein ordnendes Element zu sein, aber eins der eigenen Ordnung und der eignen einem Ideal verantwortlichen Disziplin. Und das kann niemand erreichen, der nicht die anderen kennt, ihre Geschichte, die Folgen ihrer Mühen, diejenigen zu werden, die sie in der Tiefe sind (…) All das gilt es zu lernen, ohne das letzte Ziel aus den Augen zu verlieren, nämlich sich selbst durch die anderen besser zu erkennen und die anderen durch sich selbst.“
Selbstsein ist demnach kein
isolierter Zustand, sondern ein lebendiger Dialog – mit mir, mit
den anderen, mit der Welt. Gramsci sagt, wer sich selbst kennt, muss
zugleich die anderen kennen: ihre Geschichten, ihre Mühen, ihre
Tiefen. Ich erkenne mich selbst aber nicht nur im Denken, sondern im
Spüren, im Fühlen, im Resonieren mit allem Lebendigen um mich
herum.
Es ist ein Tanz zwischen Ordnung und
Chaos, zwischen Eigenständigkeit und Verbundenheit. Meine innere
Ordnung entsteht nicht gegen die Welt, sondern durch sie; meine
Verantwortung, mein Selbstbewusstsein, mein Idealsinn – sie
wachsen, indem ich mich berühren lasse, die Mühen anderer sehe und
die Tiefe in ihnen spüre.
Am Ende ist Selbstkenntnis nicht ein
Ziel, das man erreicht, sondern ein Weg, der sich entfaltet: Ich
werde durch die anderen, die Welt und ihre lebendige Fülle zu mir
selbst und in dieser Erkenntnis werden die anderen zugleich sichtbar
und wertvoller für mich. Es ist ein Fließen, ein lebendiges
Miteinander von Innen und Außen, von Ich und Du, von Mensch und
Natur. Und genau darin liegt die Freiheit: nicht im Alleinsein,
sondern im bewussten, erfüllten Mitsein.
