Auf den ersten Blick erzählt der Roman die Geschichte des jungen Francis, der sich auf die Suche nach seinem biologischen Vater macht – einem hochbegabten Wissenschaftler, dessen Gene ihm vielleicht Antworten auf die Fragen seines Lebens geben könnten. Doch je länger die Reise dauert, desto deutlicher wird: Eigentlich geht es nicht um Gene. Es geht um Identität.
Besonders beeindruckt hat mich, dass Wells seine drei Hauptfiguren so unterschiedlich zeichnet. Francis, Anne-May und Grover stammen aus völlig verschiedenen sozialen Welten und doch verbindet sie dieselbe Sehnsucht. Jeder von ihnen sucht nach einem Platz im Leben, nach Zugehörigkeit und nach einer Antwort auf die Frage, wer er oder sie eigentlich ist. Dadurch wird der Roman weit mehr als eine Geschichte über einen jungen Mann, er wird zu einer Erzählung über uns alle.
Dabei stellt Wells eine Frage, die mich während der gesamten Lektüre begleitet hat: Wie sehr bestimmt unsere Herkunft unser Leben? Ist entscheidend, in welche Familie wir hineingeboren werden? Oder besitzen wir die Freiheit, unseren eigenen Weg zu gehen?
Eine endgültige Antwort gibt der Autor nicht – und genau das empfinde ich als große Stärke dieses Romans. Wells moralisiert nie. Er erklärt dem Leser nicht, was richtig oder falsch ist, sondern vertraut darauf, dass jeder seine eigenen Schlüsse zieht. Diese Offenheit macht Fast genial zu einem Buch, das zum Nachdenken einlädt.
Besonders gelungen finde ich auch den Titel. In unserer Leistungsgesellschaft wird Genialität häufig mit Intelligenz, Erfolg, Karriere oder Reichtum gleichgesetzt. Doch was bedeutet es eigentlich, „genial“ zu sein? Muss ein Mensch außergewöhnliche Leistungen vollbringen, um ein erfülltes Leben zu führen?
Vielleicht liegt die eigentliche Botschaft des Romans gerade im kleinen Wort fast. Vielleicht reicht es vollkommen aus, kein Genie im klassischen Sinn zu sein. Man kann ein genialer Zuhörer sein, eine einfühlsame Lehrerin, ein Arzt mit Mitgefühl oder ein Freund, der im richtigen Moment da ist. Gerade diese menschliche Form der Genialität scheint Wells den spektakulären Erfolgen gegenüberzustellen.
Auch das offene Ende hat mich überzeugt. Der Leser erfährt nicht, ob Francis im Casino den großen Gewinn macht oder nicht. Doch genau das spielt letztlich keine entscheidende Rolle mehr. Geld kann vieles erleichtern, aber Liebe, Freundschaft und Zugehörigkeit lassen sich nicht kaufen. Während Francis zu Beginn noch glaubt, sein Leben könne durch außergewöhnliche Gene oder finanziellen Erfolg gerettet werden, erkennt man am Ende, dass die eigentlichen Schätze längst auf seiner Reise entstanden sind – in den Begegnungen mit den Menschen, die ihn begleiten.
Fast genial ist deshalb für mich kein Roman über Hochbegabung, sondern über Sehnsucht. Über die Hoffnung, irgendwo eine Antwort auf die eigene Geschichte zu finden. Und über die Erkenntnis, dass Identität vielleicht gar nichts ist, was wir entdecken, sondern etwas, das unterwegs wächst.
Benedict Wells ist mit diesem Roman etwas gelungen, das nur wenigen Autoren gelingt: Er erzählt eine spannende Geschichte, ohne einfache Antworten zu liefern. Stattdessen schenkt er seinen Figuren Würde, vertraut seinen Lesern und lässt genügend Raum für eigene Gedanken.
Genau deshalb wirkt Fast genial noch lange nach. Nicht, weil der Roman alle Fragen beantwortet, sondern weil er die richtigen stellt.
