Manchmal begegnet einem in einem Buch ein Mensch, den man beim besten Willen nicht mögen kann. Und manchmal schafft es ein Autor trotzdem, dass man ihm über hundert Seiten lang folgt, ihm beim Scheitern zusieht – und sich am Ende sogar ein wenig fragt, ob man ihm nicht doch etwas zugutehalten sollte. Harry Widmer junior ist so ein Mensch.
Er ist charmant, ein notorischer Lügner, Betrüger, Frauenheld und ausgewachsener Egoist. Er übernimmt das Fahrradgeschäft seines Vaters, macht daraus „Harry’s Crazy Bike-Corner“, vernachlässigt seine eigentliche Arbeit und lebt lieber von seinen Einfällen als von Verantwortung. Als seine schwangere Geliebte und seine Gläubiger ihm schließlich zu nahe kommen, tut Harry das, was er am besten kann: Er verschwindet. Nach Mexiko. Und zunächst scheint das sogar zu funktionieren.
Capus erzählt Harrys Geschichte mit einer Leichtigkeit, die beinahe darüber hinwegtäuscht, wie viel Tragik eigentlich darin steckt. Harry flieht nicht nur vor Schulden, Verpflichtungen und einer Frau. Er flieht vor sich selbst. Und genau darin liegt für mich der eigentliche Kern dieses kleinen Romans.
Denn irgendwann stellt Harry fest, dass man zwar den Ort wechseln kann, aber nicht das eigene Leben. Das hat mir an diesem Buch besonders gefallen. Capus moralisiert nicht. Er hält Harry keinen großen Spiegel vor und erklärt uns auch nicht, warum dieser Mann so geworden ist. Stattdessen lässt er ihn einfach handeln. Und gerade dadurch wird die Geschichte erstaunlich menschlich. Harry ist kein klassischer Held, der eine große Entwicklung durchmacht. Seine Veränderung geschieht viel unspektakulärer – beinahe nebenbei.
Vielleicht ist das überhaupt die große Stärke von Alex Capus: Er erzählt vom Leben, ohne das Leben ständig erklären zu wollen. Dabei ist „Glaubst du, daß es Liebe war?“ keineswegs eine schwere Geschichte. Im Gegenteil. Der Roman ist leicht, humorvoll und manchmal wunderbar skurril. Capus hat einen feinen Blick für die Absurditäten des menschlichen Zusammenlebens. Hinter dem Humor steckt allerdings immer eine leise Melancholie. Denn Harrys Geschichte handelt letztlich von verpassten Möglichkeiten, von Verantwortung und von der merkwürdigen Fähigkeit des Menschen, sein Glück erst dann zu erkennen, wenn es längst verschwunden ist.
Und dann ist da natürlich die Liebe. Oder das, was wir dafür halten. Der Titel bleibt für mich auch nach dem Lesen wie eine kleine offene Frage im Raum stehen. Was ist Liebe eigentlich? Ist sie das große Gefühl, das uns verändert? Ist sie Verantwortung? Treue? Vergebung? Oder manchmal einfach die Erkenntnis, dass ein anderer Mensch uns näherkommt, als wir es selbst zulassen können?
Vielleicht ist Liebe auch die Kraft, die einen Menschen irgendwann dazu bringt, nicht mehr wegzulaufen. Besonders schön finde ich, dass Capus dafür keine pathetische Liebesgeschichte braucht. Er erzählt viel eher von den Umwegen, die Menschen nehmen, bevor sie bei sich selbst ankommen. Und so wird aus der Geschichte eines ziemlich großen Schweinehundes ganz allmählich eine Geschichte über die Möglichkeit, sich selbst zu verändern.
Das klingt nun vielleicht tiefsinniger, als der Roman auf den ersten Blick daherkommt. Aber genau das ist seine Qualität: Man kann ihn einfach als unterhaltsame Geschichte lesen – und trotzdem bleibt etwas hängen.
Bei mir war es vor allem der Gedanke, dass Weglaufen manchmal durchaus notwendig sein kann. Aber irgendwann kommt der Punkt, an dem man merkt, dass man den entscheidenden Weg nicht nach Mexiko, in eine andere Stadt oder in ein anderes Leben gehen kann.
Man muss ihn nach innen gehen. Und vielleicht ist genau das die leise Liebeserklärung, die in diesem ungewöhnlichen Roman steckt.
Ein kleines, leicht zu lesendes Buch über einen ziemlich schwierigen Menschen und über die große Frage, ob wir irgendwann den Mut finden, unser eigenes Leben wirklich in die Hand zu nehmen.
Ein Roman, der mich vor allem deshalb berührt hat, weil er eine ernste Frage stellt, ohne jemals ernsthaft daherzukommen.
Lesefutter*:
Alex Capus: Glaubst du, daß es Liebe war? Erschienen im Deutschen Taschenbuch Verlag
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