Die Falle - wenn wir uns unsere eigene Wahrheit erzählen


 

Nicht jede spannende Geschichte braucht ein hohes Tempo, überraschende Wendungen im Minutentakt oder möglichst viele dramatische Ereignisse. Manchmal genügt es, zwei Menschen dabei zuzusehen, wie sie versuchen, mit ihrer Vergangenheit zu leben. Genau darin liegt für mich die Stärke der Netflix-Serie Die Falle.

Dass die Serie bei vielen Zuschauerinnen und Zuschauern als eher langweilig wahrgenommen wurde, kann ich durchaus nachvollziehen. Sie nimmt sich Zeit, entwickelt ihre Geschichte langsam und setzt stärker auf psychologische Spannung als auf permanente Action. Mich hat gerade das angesprochen. Vor allem die schauspielerische Leistung der beiden Hauptdarsteller, Friederike Becht und Hans Löw, fand ich bemerkenswert. Besonders Hans Löw überzeugt mich als Robert Lenzen mit einer beinahe irritierenden Ruhe. Er wirkt souverän, erfolgreich und vollkommen in seinem Leben angekommen. Man glaubt ihm, dass er sich selbst nicht als Mörder sieht. Und genau das macht seine Figur so interessant.

Denn was wissen wir eigentlich über einen Menschen, wenn wir ihm begegnen? Wir sehen sein Verhalten, hören seine Erzählungen und bilden uns ein Urteil. Aber wir kennen nicht zwangsläufig sein Innenleben. Hinter einer ruhigen Fassade kann sich vieles verbergen, und nicht jede innere Unruhe ist von außen erkennbar. Vielleicht hat Robert seine Vergangenheit so weit umgedeutet, dass er mit ihr leben kann. Vielleicht ist seine eigene Version der Ereignisse längst zu seiner Wirklichkeit geworden. Die Serie lässt mich darüber nachdenken, wie wenig wir tatsächlich über andere Menschen wissen – und wie schnell wir dennoch glauben, sie verstanden zu haben.

Auch Lisa Konrad ist eine Figur, deren Geschichte sich erst nach und nach erschließt. Ihre schwierige Beziehung zu ihrer Schwester, die Eifersucht, die Kränkungen und die lange verdrängte Vergangenheit lassen ein Geflecht aus widersprüchlichen Gefühlen entstehen. Liebe und Verletzung schließen einander nicht unbedingt aus. Gerade zwischen Geschwistern können Verbundenheit und Konkurrenz, Zuneigung und Neid nebeneinander bestehen. Manchmal bleiben alte Rollen und Verletzungen so lange bestehen, dass wir kaum noch erkennen, wie sehr sie unser Handeln bestimmen.

Die Auflösung des Mordfalls hat mich überrascht. Dass Lisa ihrer Schwester selbst zwei der Messerstiche zugefügt hat, verändert den Blick auf die Geschichte und auf ihre eigene Wahrnehmung. Ihre Traumatisierung und die verschwimmenden Grenzen zwischen Erinnerung, Vorstellung und Realität machen deutlich, wie brüchig unser Zugang zur Vergangenheit sein kann. Während Lisa offenbar den Zugang zu Teilen ihrer eigenen Geschichte verloren hat, scheint Robert eine Erzählung gefunden zu haben, die ihm erlaubt, sein Leben fortzusetzen. Zwei unterschiedliche Formen, mit einer Wirklichkeit umzugehen, die sich nicht ohne Weiteres in das eigene Selbstbild einfügen lässt.

Und damit führt mich Die Falle zu einer Frage, die weit über den Kriminalfall hinausgeht: Wie ehrlich sind wir eigentlich zu uns selbst?

Wir erkennen die Fehler anderer oft schneller als unsere eigenen. Wir erklären unser Verhalten, rechtfertigen unsere Entscheidungen und erzählen uns Geschichten, in denen wir selbst möglichst gut wegkommen. Dabei kann es geschehen, dass wir bestimmte Seiten von uns gar nicht mehr wahrnehmen wollen. Wir spielen Rollen, erfüllen Erwartungen und halten an Vorstellungen fest, die wir längst nicht mehr hinterfragen. Was uns zunächst schützt, kann uns irgendwann gefangen halten.

Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Falle dieser Geschichte: in unseren Erinnerungen, unseren Selbstbildern und der Überzeugung, die Wahrheit über uns selbst bereits zu kennen. Selbsterkenntnis verlangt die Bereitschaft, auch jene Seiten anzusehen, die nicht zu dem Menschen passen, der wir gerne wären. Das ist unbequem und gelingt nicht immer. Aber ohne diese Bereitschaft bleiben wir möglicherweise in unseren eigenen Erzählungen gefangen.

Die Falle ist für mich deshalb weniger ein Thriller, der durch Tempo und Nervenkitzel besticht, als eine psychologische Geschichte über Verdrängung, Schuld, Geschwisterbeziehungen und die Grenzen unserer Selbsterkenntnis. Eine Serie, die mich nicht nur mit der Frage zurücklässt, was tatsächlich geschehen ist, sondern auch damit, wie Menschen mit dem umgehen, was sie über sich selbst nicht wissen wollen oder nicht wissen können.

Vielleicht ist die größte Falle tatsächlich jene, zu glauben, wir hätten uns selbst längst verstanden.