Filmtipp: Sterben – Über die Liebe und die Schwierigkeit, einander nahe zu sein


 

Manchmal handelt ein Film über den Tod vor allem vom Leben. Und von unserer Sehnsucht, geliebt zu werden.

Der Film Sterben von Matthias Glasner mit Lars Eidinger in einer der Hauptrollen hat mich auf eine Weise berührt, die weniger mit dem Tod als mit dem Leben zu tun hat. Mit der Liebe, mit Verbundenheit und mit der Frage, warum es uns manchmal so schwerfällt, das auszudrücken, was wir für andere empfinden.

Ich mag Lars Eidinger als Schauspieler. Seine Darstellung hat mich auch in diesem Film überzeugt, gerade weil seine Figuren selten eindeutig sind. Sie können verletzlich und abweisend, aufrichtig und rücksichtslos, sehnsüchtig und gleichzeitig unfähig zu wirklicher Nähe sein. Sie wirken nicht wie Menschen, die für eine Geschichte zurechtgelegt wurden, sondern wie Menschen, denen wir im wirklichen Leben begegnen könnten. Menschen mit Widersprüchen, blinden Flecken und einer Geschichte, die sie nicht einfach hinter sich lassen können.

Was mich an Sterben besonders beschäftigt, ist diese eigentümliche Gleichzeitigkeit: Menschen können einander wichtig sein und trotzdem nicht wissen, wie sie miteinander umgehen sollen. Sie können ehrlich sein, ohne den anderen wirklich zu erreichen. Sie können ihre Gefühle aussprechen und dabei übersehen, was ihre Worte im Gegenüber auslösen. Denn radikale Ehrlichkeit allein schafft noch keine Nähe. Dazu braucht es auch die Bereitschaft, wahrzunehmen, was zwischen uns geschieht, und den anderen nicht nur als Empfänger der eigenen Wahrheit zu betrachten.

Vielleicht sehnen wir uns alle nach Liebe und Verbundenheit. Aber wir bringen unterschiedliche Vorstellungen davon mit, wie sich beides anfühlt und wie es gelebt werden kann. Vieles davon lernen wir früh, in unseren Familien, lange bevor wir überhaupt verstehen, was Beziehungen ausmacht. Wir erfahren, ob Gefühle willkommen sind, ob wir Trost erwarten dürfen, ob Konflikte ausgehalten werden und ob Nähe etwas Sicheres ist oder etwas, vor dem wir uns besser schützen. Aus diesen Erfahrungen entstehen Muster, die uns oft ein Leben lang begleiten.

Wer gelernt hat, sich auf niemanden verlassen zu können, wird vielleicht Schwierigkeiten haben, Vertrauen zuzulassen. Wer früh selbstständig sein musste, kann später kaum um Hilfe bitten. Und wer nie gelernt hat, über Gefühle zu sprechen, empfindet möglicherweise durchaus Liebe, findet aber keinen Weg, sie auszudrücken. So können wir uns nach etwas sehnen und gleichzeitig genau das verhindern, wonach wir uns sehnen.

Auch die Fluchten, die uns im Leben zur Verfügung stehen, sind vielfältig. Wir flüchten uns in die Arbeit, in die Kunst, in den Alkohol oder in Beziehungen, in denen wir zwar nicht allein sind, uns aber auch nicht wirklich zeigen müssen. Wir beschäftigen uns mit allem Möglichen, um uns nicht mit uns selbst auseinandersetzen zu müssen. Manchmal gelingt es uns, unsere Gefühle auszudrücken, solange wir uns hinter einem Werk, einer Rolle oder einer anderen Form der Vermittlung verstecken können. Doch etwas von uns preiszugeben ist nicht dasselbe, wie uns einem anderen Menschen tatsächlich zu öffnen.

Sich einzulassen bedeutet auch, sich berühren und möglicherweise verändern zu lassen. Es bedeutet, die eigene Verletzlichkeit auszuhalten und zu akzeptieren, dass wir nicht kontrollieren können, wie der andere auf uns reagiert. Vielleicht liegt genau darin eine der größten Schwierigkeiten menschlicher Beziehungen: Wir wünschen uns Nähe, ohne uns dabei allzu verletzlich machen zu wollen.

Natürlich können wir lernen, anders mit uns und anderen umzugehen. Selbstreflexion hilft uns, unsere Muster zu erkennen und ihre Ursprünge zu verstehen. Aber das Wissen um die eigene Geschichte verändert nicht automatisch das, was wir fühlen oder wie wir in entscheidenden Momenten handeln. Manchmal verstehen wir längst, warum wir uns zurückziehen, angreifen oder besonders viel leisten, um Zuneigung zu bekommen, und tun es trotzdem wieder.

Vielleicht brauchen wir deshalb nicht nur Erkenntnis, sondern auch neue Erfahrungen. Menschen, bei denen wir erleben dürfen, dass Verlässlichkeit möglich ist, dass ein Konflikt nicht das Ende einer Beziehung bedeuten muss und dass wir nicht erst etwas leisten müssen, um Zuneigung zu verdienen. Erfahrungen, die uns langsam etwas anderes glauben lassen als das, was wir bisher über Liebe gelernt haben.

Gleichzeitig sollten wir aufpassen, dass die Beschäftigung mit uns selbst nicht zu einem endlosen Reparaturprojekt wird. Wir können uns so sehr mit unseren Mustern beschäftigen, dass wir vergessen, unser Leben zu leben. Nicht jede Reaktion muss sofort analysiert, nicht jedes Gefühl auf seinen Ursprung zurückgeführt und nicht jede Schwierigkeit gelöst werden, bevor wir uns auf andere einlassen dürfen. Wir dürfen unvollkommen sein und trotzdem lieben. Wir dürfen noch unterwegs sein und trotzdem Nähe zulassen.

Vielleicht müssen wir nicht erst vollständig verstehen, wer wir geworden sind, um anders miteinander leben zu können. Vielleicht beginnt Veränderung manchmal ganz unscheinbar: damit, etwas auszusprechen, das wir sonst verschwiegen hätten. Damit, zuzuhören, statt uns sofort zu verteidigen. Oder damit, einen Moment länger zu bleiben, obwohl wir am liebsten flüchten würden.

Sterben hat mich daran erinnert, wie wenig selbstverständlich es ist, einander wirklich zu begegnen. Wie viel zwischen dem liegt, was wir empfinden, und dem, was beim anderen ankommt. Und wie sehr wir uns nach Verbundenheit sehnen können, ohne zu wissen, wie wir sie herstellen sollen.

Vielleicht geht es am Ende gar nicht darum, einander immer zu verstehen oder alles richtig zu machen. Vielleicht geht es darum, den anderen überhaupt wahrzunehmen, sich berühren zu lassen und die eigene Wahrheit nicht für die einzige zu halten, die zählt.

Denn unsere gemeinsame Zeit ist begrenzt. Das wissen wir. Und trotzdem leben wir oft, als könnten wir das Wesentliche auf später verschieben.

Was wäre, wenn wir nicht darauf warten würden, uns selbst und die anderen vollständig verstanden zu haben? Wenn wir schon heute damit anfangen würden, einander ein wenig aufmerksamer, mutiger und liebevoller zu begegnen?



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